Mircos Todestag
Freitag, der 26. Oktober 1990
Wir hatten ganz gemütlich zusammen gefrühstückt, Papa, Mama und Mirco. Die beiden Großen waren in der Schule. Bevor sich Mirco dann endlich, endlich mit Mamas Hilfe anziehen wollte, tobte er im Schlafanzug durch die Wohnung. Er kletterte seiner Mutter auf den Schoß und fragte: “Einmal drückseln?“ Und dann wurde gaaaanz feste gedrückt und es gab einen feuchten Schmatz auf die Wange. Plötzlich wurde er ganz sanft und sagte: „Hab´Dich lieb.“
Sobald er gewaschen und angezogen war, ging es raus zu seinem Freund Ramon von nebenan. Wir mussten ihnen ihre Fahrräder aus der Garage holen. Und dann spielten die Beiden „Schule“.
Immer mal wieder schauten Ramons Eltern oder wir vor die Tür, um zu sehen, wo die Zwei wieder steckten.
Wir wohnten in einem Haus auf dem Gelände einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Etwas abseits vom Klinikgeschehen, ohne Straßenverkehr, viel Platz zum Spielen und Herumtollen. Das ganze Gelände ist mit einem hohen Zaun umgeben, so dass man auch keine Angst haben mußte, dass die Kleinen auf die Straße oder in den Wald rennen. Die Kinder der Mitarbeiter, die hier wohnten, konnten von Garten zu Garten ziehen. Mal spielten sie hier, mal spielten sie dort. Oder auf der großen Rasenfläche vor den Häusern, Fußball an den Garagen oder Barbie auf der Terasse. Ein Paradies für Kinder . . . was soll hier schon geschehen . . .
Heute hatten Ramon und Mirco ihre Fahrräder am Zaun abgestellt und spielten direkt daneben. Gerade sah ich sie noch. Ulrich machte sich für den Spätdienst fertig. Da klingelte das Diensttelefon.
Der Unfall
Der Pförtner meldete sich. Er habe gerade Mirco zum Haus des Chefs laufen sehen. „Ich kümmere mich darum“, sagte mein Mann. Und zu mir: „Ich gehe da jetzt vorbei und schicke ihn dann nach Hause.“ Ulrich ging los. Ich schaute aus der Tür, um auf unseren kleinen Schlingel zu warten. Ramons Vater wollte gerade in sein Haus und meinte, Mirco wäre beim Chef ins Wasser gefallen. Ich dachte mir, ich hole seine Kuscheldecke, um meinen nassen Sohn darin einzumummeln und trage ihn nach Hause.
Ein paar Nachbarinnen standen vor der Tür. Als ich vorbeiging, fragten sie, was los sei. Ich antwortete völlig unbefangen: „Mirco ist ins Wasser gefallen.“ Da wußte ich noch nicht, dass sie einen Krankenwagen vorbeifahren sehen hatten. Selbst als ich zu dieser Jahreszeit einen Mann nur in kurzer Sporthose durch das Gelände rennen und den Krankenwagen vor dem Haus stehen sah, zog ich keine Parallele zu unserem Sohn.
Ich weiß nicht mehr, ob die Haustür offen war . . . ich ging ins Wohnzimmer. Mirco lag auf dem Boden, rechts von mir, sein Vater zog ihn aus. Lauter Fremde liefen oder standen herum. Jemand nahm mir die Decke ab. Eine Nachbarin zog mich mit sich zur Terassentür hinaus.
Allmählich begriff ich: Es war etwas schreckliches mit Mirco passiert. Ich murmelte irgendetwas wie: „Er muß doch noch soviel lernen und spielen . . .“ Und ich weiß, dass ich noch dachte: „Das passiert uns nicht, das passiert immer nur anderen!“
Aber es passierte gerade hier, gerade jetzt und gerade uns.
Einige Zeit später schickte man auch meinen Mann in den Garten. In den Garten mit diesem verdammten Swimmingpool. Da saßen wir nun einander gegenüber, uns an den Händen haltend und betend! „Lieber Gott;“ flehte mein Mann, „Laß´ihn leben. Egal wie, nur laß´ihn leben. Bitte. Und wenn er nur die Augen aufmacht. Laß´ihn leben!“
Ungefähr zwei Stunden bemühten sich die Ärzte und Sanitäter um Mircos kleines Leben.
Er machte die Augen nicht auf. Nie mehr.
Als ein traurig blickender Arzt zu uns in den Garten kam, sahen wir ihm seine Worte schon an: „Wir haben alles versucht, aber leider...“
Arm in Arm gingen wir durch die Gartenpforte und nach Hause. Wir störten uns nicht an all den Leuten, die noch da waren.
Aber unseren kleinen Mircolino mussten wir dort lassen. Ich wollte ihn auf den Arm nehmen und nach Hause tragen. Aber ich durfte nicht. Und mein Mann sagte: „Sieh ihn Dir nicht an, das ist nicht mehr unser Mirco.“ Und ich hörte auf ihn.
Jasmin und Robin waren nach der Schule bei den Nachbarn untergekommen. Als wir sie jetzt abholen wollten, öffnete Ramons Vater die Tür. Er sah uns nur an und die Tränen schossen ihm in die Augen.
Jasmin und Robin kamen heraus und dann standen wir dort draußen vor dem Haus, weinten und hielten uns aneinander fest.

Was passiert ist:
Ramon und Mirco haben eine kleine Katze gesehen, die im Nachbargarten verschwand. Die beiden sind ihr nachgelaufen und sind durch die Gartentür in den Garten.Dort haben
sie den Swimmingpool entdeckt. Das Wasser war sehr dreckig. Mirco dachte, es wäre ein Teich wie in Opas Garten und wollte nachsehen, ob Fische darin sind. Der Pool war noch einmal von einem Zaun umgeben. Mirco schob sich einen Terassenstuhl heran und stieg über den Zaun. Er muß das Gleichgewicht verloren haben. Er fiel ins Wasser. Da er in voller Kleidung ins Wasser fiel, wurde er sofort nach unten gezogen.
Sein kleiner Freund Ramon reagierte sofort. Er rannte zum Haus, klingelte und rief. Aber es war niemand dort. Da rannte Ramon, um seinen Vater zu holen und traf unterwegs seine Schwester Rebekka. Sie lief sofort zum Pool und sprang hinein. Nachher stand sie wie unter Schock und wiederholte einige Male: „Ich bin ein paar Mal getaucht, aber ich konnte ihn nicht finden, das Wasser war so dreckig!“
Schließlich liefen drei oder vier Männer nebeneinander durch den Swimmingpool, Schritt für Schritt, bis sie auf ein Hindernis stießen. Das Hindernis war Mirco!
Später sagten viele: „Was wäre gewesen, wenn das Wasser nicht so dreckig gewesen wäre, wenn er schneller gefunden worden wäre, wenn das Wasser kälter gewesen wäre . . .“
Mirco ist tot. Auf diese Fragen wird niemand eine Antwort finden und unseren Mircolino bringt niemand zu uns zurück.
Ramon, der kleine tapfere Held, hat für sich einen Trost gefunden:
Kurz vor Mircos Tod ist sein Großvater verstorben. Und so sagte Ramon seinem Vater, dass Mirco jetzt bei Opa sei und der würde auf ihn aufpassen.
Ramon,
Du warst der beste Freund,
den Mirco haben konnte.
Danke.